
Neustart
Mein Haftantritt erfolgte unspektakulär in einer kalten Januarnacht morgens um halb drei, als meine Fruchtblase platzte. Das amtliche Urteil aus dem Labor verhängte lebenslänglich, begründet durch einen Gendefekt. Die Entwicklungsunterschiede wurden in der Krabbelgruppe deutlich, die für mich wöchentlich in einem Heulkrampf endete. Die Defizite wurden stetig größer und die Reaktionen der Menschen immer grausamer.
Wir besuchten den Spielplatz zwar erst, nachdem die anderen Kinder in der Schule saßen und verließen ihn, bevor sie dort am Nachmittag aufkreuzten. Oft lungerten doch ein paar Halbwüchsige herum, die nichts Besseres im Sinn hatten, als das heftige Armwedeln meines Sohnes nachzuäffen. Mein Herz blutete!
Eine Verkäuferin bat mich dezent, das Bekleidungsgeschäft wieder zu verlassen, da sich andere Kunden durch das Verhalten meines Sohnes gestört fühlen könnten. War ich im falschen Film?
Passanten starrten uns ungeniert wie Außerirdische bei ihrem Erstbesuch auf der Erde an. Danke für das Verständnis!
Bei einem der seltenen Spaziergänge trat ein älterer Herr an mich heran und lobte das „früher“ angewandte Programm von „lebensunwertem Leben“. Mir blieb die Luft weg!
Warum schluckte ich all diese Gehässigkeiten ohne Gegenwehr? Ich war am Ende. Ich konnte nicht mehr!
Instinktiv hatte ich eine imaginäre Mauer errichtet, die uns von der Außenwelt trennte. Unser Lebensraum schrumpfte auf ein Minimum und für unsere Umgebung wurden wir fast unsichtbar. Ein tristes Dasein hinter verschlossenen Türen mit einem Fensterblick hinaus in die Freiheit. Tag für Tag. Jahr für Jahr. Das war der Preis, nicht mehr Opfer diverser Negativerlebnisse zu werden. Sowohl das Schlafverhalten als auch mein Körper rebellierten. Totaler Erschöpfungszustand wurde diagnostiziert. Ich hatte keine Kraft mehr, diesen Wahnsinn zu ertragen. Ich sehnte mir den Tod herbei. Alles hinter mir lassen, um Frieden zu finden. Sogar in der Hölle zu schmoren schien mir aussichtsreicher, als weiter Betroffener der ständigen Intoleranz unserer Gesellschaft zu sein. Am schmerzlichsten war die Erkenntnis, als Mutter und Mensch versagt zu haben. Dass ich es nicht geschafft hatte, für mein Kind einzutreten. Ihm eine Stimme zu geben.
Nach den Szenarien „Erschießen“ oder „Von-der-Brücke-Springen“, kristallisierte sich der Tablettencocktail heraus. Dieser erlösende Gedanke war Balsam. Ich schöpfte Kraft. Fast, als flammten ein paar Lebensgeister wieder auf. Eine innere Ruhe ergriff mich und schwang mich in ungeahnte Sphären..., bis das Schreien meines Kindes mich aus diesem Zustand riss. Verwirrt sah ich auf den Wecker, der kurz nach Mitternacht anzeigte. Weder Körperkontakt, noch sein abgewetztes Schmusetier brachten ihn zur Ruhe. Weinen und Schluchzen steigerten sich ins Unermessliche. Meine Gedanken sprangen wie eine Horde ausgerissener Büffel herum. Was sollte mit meinem Sonnenschein passieren, wenn ich nicht mehr da wäre? Wer würde sich um ihn kümmern und ihm all die Liebe geben, die er brauchte? Die Antworten schmerzten wie herunterfallende Eiszapfen. War ich zu egoistisch, um an das Naheliegende nicht zu denken? Beschämt kroch ich tiefer unter die Bettdecke und kuschelte mich an den warmen Rücken meines Sohnes. Mir war klar, dass ich irgendwann diese Erde verlassen musste, aber bis dahin blieb noch Zeit. Besagte Zeit galt es endlich zu nutzen. Für ihn. Für mich. Für uns. Als hätte jene Tatsache schon immer leise im Unterbewusstsein angeklopft, polterte dieses Aha-Erlebnis nun mit voller Wucht gegen die Türe. Zwar hatte ich am nächsten Morgen keinen ausgefeilten Schlachtplan zur Hand, aber ein hochmotivierendes Gefühl in der Magengegend.
Als wollte mir jemand ein Zeichen geben, flatterte die Einladung zur Elternbeiratswahl der Schule ins Haus. Drei Wochen später wurde ich zur stellvertretenden Vorsitzenden gewählt. Dieses Amt an sich schaffte die Probleme nicht aus der Welt, aber es war hilfreich, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. Ich erkannte, dass es die kleinen Dinge des täglichen Lebens zu bewältigen galt. Es kostete unvorstellbare Kraft, die alt eingesessenen Ängste und unguten Gefühle beiseitezuschieben. So verbuchte ich es als Fortschritt, wenigstens eine Stunde auf dem Weihnachtsmarkt zu bummeln, als gar nicht hinzugehen. Obwohl es dafür keine Urkunde gab, war es mein persönlicher Erfolg. Der erste Freigang aus dem Gefängnis nach langer Zeit. Als uns auf dem Weg nach Hause eine Mutter von der anderen Straßenseite zuwinkte, bekam ich ansatzweise ein Lächeln hin.
Mein gerade neu gewonnenes Selbstvertrauen wurde bei einem Waldspaziergang erneut zunichte gemacht. Wir tobten mit abgebrochenen Ästen durch das dichte Laub, als ein Trupp Fahrradfahrer rücksichtslos an uns vorbeipreschte. Mein Sohn freute sich und schwenkte, wie er es schon oft im Fernsehen gesehen hatte, sein Stöckchen, um die Radfahrer anzufeuern. „Du blöde Kuh, hast du dein „Scheiß-Balg“ gar nicht im Griff!“, brüllte jemand. Während ich nach Luft schnappte, vibrierte mein Tränenkanal. Ich sackte zusammen, als hätte ein Wildschwein mich frontal erwischt, und flehte im Stillen: „Nein, bitte, nicht schon wieder.“
Dafür habe ich, als wir das nächste Mal auf dem Spielplatz waren und eine Familie ständig herüberschaute und verdächtig die Köpfe schüttelte, all meinen Mut zusammengenommen und sie direkt in gereizt freundlichem Ton gefragt: „Haben sie irgendein Problem mit uns?“
Das abrupte Schweigen und die zu Boden gesenkten Blicke waren Bestätigung genug. Es ließ sich nicht verhindern, dass bei mir reflexartig Tränen einschossen. Trotzdem gelang es mir, meiner brennenden Seele Luft zu verschaffen: „Auch wenn er geistig behindert ist, ist er ein Mitglied dieser Gesellschaft.“ Zu mehr war ich nicht mehr in der Lage, denn meine Stimme signalisierte Ausfallerscheinungen. Eiligst marschierten wir davon, bis mich jemand von hinten an der Schulter packte. Der Vater stand mit weit aufgerissenen Augen vor mir und stammelte entschuldigende Worte. Nach einem offenen Gespräch hüpfte er keine Stunde später mit beiden Kindern zusammen auf dem Trampolin herum, und mein Sohn strahlte mit der Sonne um die Wette.
Auf wundersame Weise traten seit diesem Tag immer mehr verständnisvolle und hilfsbereite Menschen in mein Leben. Das Thema Inklusion schien mir an allen Ecken aufzulauern. Als dürfte ich mich aus meiner eigenen Haft entlassen, fiel mir ein Spruch von Laozi in die Hände, der zu einem Mantra wurde: „Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.“

